Für diese Jungs ist Speed keine Droge – aber eine Sucht (TagesAnzeiger)

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Sie investieren viel Lohn in wenig Schwerelosigkeit. Auf dem Trip mit vier Rollercoaster-Nerds – inklusive Kollateralschaden.

Als 1977 der Katastrophenfilm «Rollercoaster» in einem Kino der US-Kleinstadt Hackensack vorgeführt wurde, fiel ein Teil der Saaldecke herunter und beschädigte zehn Sitze, die jedoch glücklicherweise unbesetzt waren (der Film von James Goldstone ist übrigens derart schlecht, dass er unangefochten die «Goldene Himbeere» gewonnen hätte, blöderweise hat man den Anti-Oscar erst ab 1981 verliehen). Hinzu kommt, dass Beavis & Butt-Head finden, das Red-Hot-Chili-Peppers-Stück «Love Rollercoaster» sei «the funkiest and sexiest love song alive, huh-huh, huh-huh». Das sind die Gründe, die uns dazu bewogen haben, just vor den Sommerferien eine kleine Spezialeinheit in den Europapark Rust abzukommandieren, um das Phänomen Achterbahn mal in der ganzen Höhe und Tiefe auszuloten.

Diese Spezialeinheit bestand aus zwei Kerlen, die gemeinsam schon den Tresen des El Lokal, die Erfindermesse oder den von Blaulicht-Carabinieri eskortierten FCZ-Fanbus vom Stadio Olimpico zur Stazione Roma Termini überlebt haben; Typen also, die durch nichts mehr zu erschüttern sind.

Bis zu 100 Fahrten an einem Tag


Zurück zu den Rollercoasters. Wer wissen will, worin genau die Faszination dieser meist eisernen Kolosse besteht – spontan betrachtet, erinnert ihr Aussehen gerne an Skelette von missgebildeten Urviechern –, braucht natürlich Experten. Und zwar keine weiss gekittelten Laborratten, sondern Freaks und Nerds, die mehr Zeit auf Bahnen als im Bett verbringen. Gefunden haben wir sie durch einen Aufruf übers Internet. Sie heissen (im Bild von links nach rechts) Andreas Auf der Maur (20), Benjamin Lemberger (24), Marco Grubert (21) und Patrick Marx (19). Sie sehen aus wie ganz normale Jungs. Sie sprechen wie ganz normale Jungs. Und doch sind es definitiv keine ganz normalen Jungs.

Immer zwischen März und Oktober investieren sie nämlich je bis zu 12'000 Franken in Adventure-Park-Karten und Fahrkilometer, reisen mindestens jedes zweite Weekend nach Deutschland, Holland, Spanien, Italien, England oder gar in ehemals kommunistische Staaten, um dort auf immer halsbrecherischen Bahnen persönliche Grenzen zu erfahren und «die Freiheit zu suchen», wie sie es nennen. Es ist eine süchtige Suche, die durch mehr Highspeed, ein paar Sekunden mehr Schwerelosigkeit oder immer frechere Lausbubentricks (Details dürfen wir hier aus Erwachsenenschutzgründen nicht verraten) befriedigt wird; ein positiver Wahn, während dessen sich die Nerds durch manchmal 100 Fahrten pro Tag («Danach spürt man echt nicht mehr, ob man in Bewegung ist oder stillsteht») gezielt in der Transzendenz verlieren. Die Kurzformel: Was das Adrenalin schuben lässt, das rockt.

Zu ihrem eher unkonventionellen Hobby sind die vier auf unterschiedliche Weise gekommen. Grubert beispielsweise wurde im Kindesalter von den Eltern zu einer Fahrt gezwungen – und wollte dann sofort mehr. Marx dagegen sass freiwillig schon als Dreijähriger in seiner ersten Bahn; mit fünf war er abhängig.

«Und jetzt lasst uns bumsen!»

Bevor uns das Quartett einen tieferen Blick in seine Achterbahnseele gestattet, befiehlt es – wir habens befürchtet – einen Praxistest. «Wir nehmen den Silver Star», schlägt Grubert vor, «das ist was für Anfänger, nicht allzu heftig.» In der 30-minütigen Anstehzeit erläutern die Fachmänner Jargon-Begriffe wie «Launch» (Abschuss-Start), «Airtime» (Phase der Schwerelosigkeit), «Inversion» (Überschlagselemente einer Achterbahn; da sie meist von Kunstflugfiguren inspiriert sind, tragen sie Namen wie Korkenzieher, Immelmann Loop oder Zero-G-Roll) oder «Floorless» (das ist, besonders appetitlich, eine Bahn ohne Boden). Plötzlich ruft Auf der Maur: «Und jetzt lasst uns bumsen!» Zur Beruhigung der Empörung: Damit ist nicht das sexuelle Zeugs gemeint; der Ausdruck ist eine Reverenz an den Schweizer Hersteller des Silver Star, die Firma Bolliger & Mabillard, kurz B&M, also «B-U-M», weshalb man die Fahrt auf diesem Teil – Rollercoaster-Logik – «bumsen» nennt. Egal – es gilt, wir sind die Nächsten. Die vier Jungs okkupieren die Reihe hinter uns. Special-Team-Partner Oeschger macht die Kamera scharf, ich verdrücke eilends ein Croissant (angeblich ist es nicht clever, mit nüchternem Magen zu rasen), als uns unvermittelt der Security-Chef besuchen kommt. Er zeigt auf die Kamera, schüttelt den Kopf, und als wir intervenieren, erklärt er im schönsten Klinsmann-Schwäbisch («Und-wenn-i-sag-die-Gamera-bleibt-hiar-dann-bleibt-se-hiar»), dass das geplante Bild niemals entstehen wird.

Shit happens

Shit happens. Und manchmal gleich in geballter Ladung. Nachfolgend der Livebericht in Sprachbild und Originalton ab jenem grauenhaften Moment, als wir erstmals kopfvoran in die Tiefe stürzten. Bild 1: Mir verschlägt es den Atem und somit die Sprache; das unverdaute Gipfeli kitzelt am Halszäpfli. Fotograf Oeschger, nebenan: «Uah, scheisse-scheisse-scheisse-scheisse-scheisse!» Bild 2, 17 Sekunden später: Ich schliesse die Augen und presse mit aller Kraft die Zähne zusammen, damit der Mageninhalt, sollte er hochkommen, nicht raus kann. Oeschger: «Scheisse-scheisse-scheisse-scheisse-scheisse!» Bild 3, 45 Sekunden später – es schmeisst uns eben in eine Kurve: Ich fühl mich, als hätte ich eine schwere Grippe, überall kalter Schweiss, überall heiss, ich halte noch immer die Augen geschlossen und presse mit all... aber das wissen Sie ja bereits; ebenso, wies beim Oeschger drüben tönt.

Nach etwa 2 Minuten ist der Höllenritt fertig. Wir auch, die Pläne für den Abend sind gestrichen. Ein Kollateralschaden, wie er bei einem solchen Einsatz halt vorkommen kann. «Ach ja», sagt Marx und lacht, «das hab ich vorhin vergessen: Beim Fahren niemals die Augen schliessen, sonst kanns übel werden.» Danke, Mässi.

Drogen und Alkohol braucht es nicht

Sie machen eine weitere Fahrt, wir nehmen ein Entspannungs-Pils. Als wir wieder zusammensitzen, erzählen sie, dass es europaweit nur rund 150 Personen gebe, die Parks und Achterbahnen so intensiv und strategisch abgrasen würden. Frauen? «Etwa zehn Prozent», sagt Marx. Drogen und Alkohol? «Wozu auch?», fragt Auf der Maur, «wir haben unseren Kick ja durchs Fahren.» Um die wichtige Community zu pflegen, betreiben Grubert (www.thrillride.ch) und Auf der Maur (www.coasterindex.com) eigene Websites; Auf der Maur hat zudem eine Studie namens «Faszination Achterbahn» verfasst.

Gerade, als man denkt, dass die Floskel «Das Leben ist eine Achterbahnfahrt» wohl noch selten so perfekt als Titel zu einer Geschichte gepasst hat, kommt sie, die faustdicke Überraschung. Fast zaghaft sagt Grubert: «Wir alle haben im Fall auch noch ein anderes Leben. Eines mit Freundin, Kumpeln, Musik, Fussball. Und in diesem anderen Leben trinken wir auch mal ein paar Bier. Jedenfalls sind wir nicht so verrückt, wies vielleicht scheint.» Paff. Dem gibts nichts mehr hinzuzufügen ... ausser: Der Fotograf und der Schreibende sind im Fall auch nicht solche Flaschen, wies grad scheint. Yep.

Von Thomas Wyss. - TagesAnzeiger vom 03.07.2009

Last modification: So 13 Aug 2017